Die re-publica hat sich zu einem wichtigen Konferenzformat entwickelt - mit inzwischen rund 3.000 Besuchern ist sie mit Abstand kein Branchentreff von Nerds mehr und ebenso wichtig für unsere Netzkultur, unser Verständnis für den Umgang mit digitalen Technologien und nicht zuletzt für Berlin als Standort. Ich würde mich freuen, wenn die Konferenz weiter an Bedeutung gewinnt. Dafür muß sie in meinen Augen z.B. an die guten Ansätze des letzten Jahres anknüpfen.
Mit Jeff Jarvis hatte die re-publica letztes Jahr zum ersten Mal einen Keynote-Speaker von internationalem Format, was der Konferenz gut getan hat. Mich hat verwundert, dass sie dieses Jahr nicht daran angeknüpft hat. Eine Keynote gab es eigentlich gar nicht - das volle Auditorium des Friedrichstadtpalastes lauschte stattdessen des Vortrages "Design Thinking" von Philipp Schäfer. Wenn schon "Design thinking", dann hätte ich mich persönlich eher über einen Vortrag wie "Design for generosity" von Clay Shirky für das durchaus anspruchsvolle Publikum gefreut.
Ein weiterer Vortrag, "Blogs in Deutschland", füllt den kompletten großen Saal der Kalkscheune - so ganz unbedeutend können Blogs wohl also nicht sein. Die sehr bemühte Referentin präsentiert erste Ergebnisse, allerdings von, wenn ich mich recht erinnere, ca. 20 befragten (Politik-?)Bloggern und eine Reihe von Hyphothesen, die als Erklärungsansatz dienen können, warum Blogs in Deutschland noch nicht da sind, wo sie z.B. in den USA sind. Der Vortrag, der in vielen Punkten inhaltlich einfach so nicht richtig war, läßt Zeit für 3-5 emotionale Reaktionen aus dem Publikum, die einiges richtig stellen wollen und ist dann auch schon wieder viel zu früh vorbei. Man verzeihe mir meine Arroganz, aber das hätten z.B. auch wir (mokono) meines Erachtens besser gemacht. Wir haben zwar einen Vortrag zum Thema Blogvermarktung eingereicht, der diese Themen auch mit aufgegriffen hätte, sind aber (erneut) abgelehnt worden. 
Vielleicht hängt das damit zusammen, dass wir streng genommen ein Konkurrent von adnation sind, an dem der Mitbegründer der re-publica Johnny Häusler beteiligt ist. Wir wissen es nicht. Selbst wenn dem so sei - adnation muß verstehen, dass wir beide als Blogvermarkter für die Blogosphäre zusammenstehen müssen, genauso wie es die Fernsehvermarkter am Anfang gemacht haben. Aber dies nur am Rande. Auch hier wäre mehr Substanz und mehr Zeit für den Vortrag in meinen Augen empfehlenswert gewesen.
Die re-publica ist eine großartige Konferenz - in meinen Augen läuft sie aber Gefahr, international keine Rolle zu spielen und das sollte man doch vermeiden? Hoffentlich erweisen sich meine Ängste als unbegründet.


Frieling
Pro
Deine kritischen Ansätze zu den beiden genannten Vorträgen kann ich unterstreichen. Philipp Schäfer mag ein ausgezeichneter Designer sein, ein großer Redner ist er kaum, ein Eröffnungsredner schon gar nicht. Wenn nicht einmal das Mikro sauber anliegt, und in den ersten zehn Minuten das Gekratze von Bartstoppeln die Stimme übertönt, dann wird der Ruf nach mehr Professionalität im "Vortragsdesign" unüberhörbar.
Der Vortrag "Blogs in Deutschland" von Stine Eckert, die großartig mit "Universität Maryland" angekündigt wurde, war in jeder Hinsicht ein Witz. 20 willkürlich ausgesuchte, namenlose Blogger als Grundlage einer "wissenschaftlichen Befragung" für die Probleme zu nehmen, die deutsche User mit dem Bloggen verbinden, ist weder repräsentativ noch wissenschaftlich. Der Unmut der Zuhörerschaft, darunter viele aktive Blogger, war unüberhörbar. Dabei ist es kein Problem, in Berlin kompetente Referenten zu finden, die sich qualifiziert zum Thema äussern.